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Griechenland: Der Anfang vom Ende?

Die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise hat schon jetzt schmerzhafte Opfer gefordert. Neben zahlreichen Insolvenzen von Banken stehen mittlerweile auch einige Länder vor dem finanziellen Ruin. Die Rede ist dabei in erster Linie von Griechenland. Trotz milliardenschwerer EU-Hilfe hat es das Land bislang noch nicht geschafft wieder auf einen grünen Zweig zu kommen. Ist der Fall Griechenland der Anfang vom Ende oder ist Besserung in Sicht?

Angesichts der zu beobachtenden wirtschaftlichen Entwicklung in Griechenland sind viele Bürger  der Europäischen Union besorgt. Und zwar nur zu verständlich. Denn Anfang Mai musste die Europäische Union finanzielle Hilfen in Höhe von unvorstellbaren 110 Milliarden Euro bereitstellen, um einen Staatsbankrott der Griechen abzuwenden. Doch woraus resultiert die Krise dieses Landes? Arbeiten die Griechen schlechter bzw. weniger als andere EU-Bürger? Keineswegs. Die Gründe sind wesentlich vielschichtiger, als es manche Menschen denken. Und es liegt mit Sicherheit nicht am hart arbeitenden griechischen Angestellten, dass das Land zurzeit in einer derart schlechten Lage ist.

Schaut man geschichtlich etwas länger zurück, dann stellt man fest, dass Griechenland bereits bei den Vorgaben zur Euroeinführung im Jahr 2002 getrickst hat. Die sogenannten Maastricht-Kriterien, deren Erfüllung damals die Voraussetzung zum Beitritt in die Eurozone waren und für wirtschaftliche Stabilität sorgen sollten, hatte Griechenland streng genommen nicht in aller Hinsicht erfüllen können. Dennoch wurde das Land von Anfang an in die Eurozone aufgenommen. Sicher sind Einzelfallentscheidungen bzw. nachträgliche Abweichungen zu den vorgegebenen Kriterien in gewisser Weise nachvollziehbar. Allerdings wurden die erwähnten Maastricht-Kriterien auch von anderen Ländern nicht bzw. nicht vollständig erfüllt. Selbst Deutschland konnte damals eine darin enthaltene maximale Verschuldung in Höhe von 60% nicht einhalten. Gegebenenfalls hätte bereits damals eine Verschiebung der Euroeinführung in Erwägung gezogen werden müssen. Denn immerhin stand bereits 1999 fest, dass die Nichteinhaltung der Maastricht-Kriterien einiger Länder unabwendbar sind. Einige Experten kritisieren zudem, dass die im Zuge der Euro-Währungsreform von den Griechen vorgelegten Wirtschaftsdaten qualitativ schlecht gewesen seien. Die damaligen Vorgaben wurden angeblich nur durch verschiedene Finanztransaktionen erfüllt, um welche die gelieferten Daten jedoch hätten bereinigt werden müssen. Da das nicht geschah, wurde die wirtschaftliche Lage Griechenlands damals wesentlich besser eingeschätzt als sie tatsächlich war.

Rational betrachtet hätte Griechenland schon eher in wirtschaftliche Schieflage kommen müssen. Doch während das Land kurz vor Beginn der Währungsreform Defizitraten von knapp 14 Prozent aufwies, konnte es diese auf immerhin 2,5 Prozent reduzieren. Was nach guter Wirtschaftslage aussieht, war letztlich vor allem auf niedrige Zinsen am Geld- und Kapitalmarkt zurückzuführen. Griechenland konnte sein Kapital vergleichsweise günstig beschaffen. Das jedoch hat Griechenland nicht seiner guten Wirtschaft, sondern der Situation am Geld- und Kapitalmarkt zu verdanken. Auch Investoren haben sich von schon damaligen Gerüchten um eventuelle Stabilitätsprobleme des Landes nicht irritieren lassen. Aufgrund des damals bevorstehenden EU-Beitritts, war die Nachfrage nach griechischen Staatsanleihen relativ hoch. Selbst ein 2004 eingeleitetes Defizitverfahren hat an dieser Situation nichts geändert. Im Nachhinein betrachtet ist das wiederum grundsätzlich nachvollziehbar. Denn auch äußerst solvente Länder wie beispielsweise Deutschland waren 2004 von einem solchen Verfahren betroffen. Ein solches Defizitverfahren war demnach nichts ungewöhnliches bzw. existenzbedrohliches. Die Kreditwürdigkeit Griechenlands wurde damals von den Investoren an den Börsen genauso wenig infrage gestellt wie die von Deutschland. Dadurch blieb es bei vergleichsweise geringen Zinskupons für Staatsanleihen. Die Kosten für die Länder blieben somit niedriger als sie es rational betrachtet hätten sein müssen.

Erst die Finanzkrise ab dem Jahr 2007 hat dazu geführt, dass viele Anleger wesentlich vorsichtiger wurden. Selbst Banken untereinander waren so skeptisch und zurückhaltend, dass der sonst so lebhafte Interbankenhandel zeitweise fast zum Erliegen kam. Um gegenzusteuern, hatte die Europäische Zentralbank  (EZB) damals Kredite und Kreditbürgschaften ausgegeben. Auf diese Weise wurde der Handel mit Kapital wieder in Schwung gebracht. Allerdings galten die ausgegebenen Bürgschaften nicht für Staats- und Unternehmensanleihen.

Als weiterer wichtiger Punkt kam im Jahr 2008 hinzu, dass eine ganze Reihe von Banken in eine wirtschaftliche Schieflage gerieten. Die Folge war, dass die meisten Länder Zahlungsgarantien für ihre Banken abgaben. Dadurch haben die Staaten das Zahlungsrisiko ihrer Banken übernommen. Was damals durchaus sinnvoll erschiehn, wurde aus Kapitalmarktsicht zum Problem für die Staaten: Unterstellt man, dass es zu keinem Zahlungsausfall einer Bank kommt, dann muss der Staat aus seiner Bürgschaft heraus auch nicht leisten. Allerdings reagiert der Markt auf die abgegebene Staatsgarantie – und zwar mit höheren Renditen der Staatsanleihe. 2008 war an den Börsen zu beobachten, dass die Renditen von Staatsanleihen deutlich stiegen, während die von Bankenanleihen im Allgemeinen sogar abflachten. Die Folge: Staaten, die Zahlungsgarantien für ihre Banken abgaben, mussten fortan tiefer in die Tasche greifen, um sich am Markt Geld zu beschaffen. Ein finanzieller Mehraufwand, der für viele Staaten enorme Ausmaße annahm. Auch das bereits damals bereits deutlich angeschlagene Griechenland war von dieser Entwicklung betroffen.

Mit Ausgabe der bereits erwähnten finanziellen Hilfen an Griechenland wurde das Vertrauen der Investoren nicht gerade größer. Vor allem auch angesichts der vielen Kritiker dieser Verfahrensweise. Als die damals neu gewählte griechische Regierung im Oktober 2009 abermals ein wirtschaftliches Defizit bekannt gab, reagierte der Markt panisch. Die Folge waren rasant ansteigende Renditen der griechischen Anleihen. Der Kurs der Papiere fiel deutlich. Die Geldbeschaffung wurde für die Griechen wesentlich teurer.

Mit zunehmend preisintensiverer Geldbeschaffung wurden die Pläne zur Sanierung des griechischen Finanzhaushalts nicht einfacher. Zudem bestand die Gefahr eines Zahlungsausfalles für bestehende Anleihen, wenn aufgrund der großen Skepsis keine neuen Staatsanleihen am Markt platziert werden konnten. Denn mittlerweile wurde Griechenland auch von Ratingagenturen, welche die Zahlungsfähigkeit von Schuldnern einschätzen, deutlich heruntergestuft. Das wiederum schürte Misstrauen und erhöhte die Renditen – also letztlich die Kosten – für griechische Anleihen. Ein finanzielles Rettungspaket war letztlich der einzige Ausweg aus dem beschriebenen Teufelskreislauf. Nur so konnte der Finanzbedarf zu für den griechischen Haushalt akzeptablen Konditionen gedeckt werden. Mittels der Hilfen soll Griechenland genug Zeit gegeben werden, um mittels Reformen und Sparpaketen Einnahmen zu erhöhen und Ausgaben gesenkt werden. Nur so kann auch am Markt mittelfristig die Zahlungsfähigkeit des Landes wieder hergestellt werden. Im Rahmen dieses Prozesses werden die ergriffenen Sparmaßnahmen des Landes von der Europäischen Zentralbank (EZB) und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) beobachtet und eingeschätzt. Erst jüngst im März wurden von ihnen schärfere Sparmaßnahmen verlangt. Doch an der Reaktion vieler Griechen ist zu sehen, dass sich die Durchführung eines härteren Sparkurses keineswegs als einfach erweist. Streiks und sogar Ausschreitungen waren bereits Folge angekündigter wirtschaftlicher Einschnitte.

Ob es gelingt den Finanzhaushalt des Landes mittels Rettungspakete und verlangter Sparmaßnahmen grundlegend zu sanieren, ist schwer zu prognostizieren. Selbst Experten sind sich nicht einig, welchen Umfang die Hilfen annehmen dürfen, ohne die anderen EU-Staaten zu gefährden. Allerdings bleibt der EU als Gemeinschaft wohl kaum etwas anderes als beschriebenen Finanzhilfen übrig. Ein Hoffnungsschimmer Griechenlands ist seine Reisebranche. Zumindest bei den deutschen Urlaubern zeichnen sich laut Deutschem ReiseVerband keinerlei negative Auswirkungen auf das Reiseverhalten ab. Selbst die jüngsten Unruhen in der griechischen Hauptstadt Athen schrecken viele Deutsche scheinbar nicht ab – gut für die Wirtschaft Griechenlands. Doch eine langfristige Lösung des Problems ist die momentane Lage natürlich nicht. Zu einem funktionierenden Staat gehören nämlich nicht nur fähige und erfahrene Politiker und Führungspersonen, sondern auch motivierte und gut ausgebildete Angestellte. Aktuell ist von einer solchen Situation nichts zu sehen. Zumindest dann nicht, wenn man mal einen Blick in die Köpfe der griechischen Mittelschicht wirft. Viel haben die Griechen bereits geopfert, auf viel haben sie verzichtet und trotzdem hat man in der griechischen Regierung bislang nicht viel erreicht. Bleibt zu hoffen, dass es die Regierung möglichst schnell schaffen wird, das Volk zu beruhigen. Was ein angeschlagener Staat wie Griechenland momentan nämlich gar nicht gebrauchen kann sind unzufriedene und streikende Bürger. Damit weitere Streiks und Unzufriedenheit allerdings abgewendet werden kann, bedarf es konsequente Politiker, die Griechenland wieder nach oben bringen.

Es kann schließlich nicht sein, dass die übrigen Staaten in Europa dauerhaft zum Überleben der Griechen beitragen müssen. Die momentanen finanziellen Hilfen können also nur eine kurzfristige Lösung des Problems darstellen. Langfristig gesehen macht es natürlich keinen Sinn immer mehr Geld für Griechenland bereitzustellen, ohne das sich maßgeblich was an der schlechten wirtschaftlichen und finanziellen Situation ändert.

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass die griechische Regierung viele Fehler gemacht hat und auf Probleme teilweise völlig falsch reagiert hat. Daraus resultiere – wie sollte es auch anders – eine kritische finanzielle Situation des Staates. Jetzt besteht die Aufgabe darin, Griechenland wieder aus dieser Misere zu befreien. Keinesfalls darf Griechenland jetzt alleine im Regen stehen gelassen werden. Schließlich handelt es sich bei der Europäischen Union um eine Gemeinschaft, die schwächere Mitgliedsstaaten unterstützt. Wie lange es dauern wird bis Griechenland wieder über einen ausgeglichenen Haushalt verfügen wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt natürlich noch völlig ungewiss. Dank der umfangreichen finanziellen Hilfen der EU sollte es jedoch hoffentlich möglich sein, relativ schnell wieder Normalität in Griechenland einkehren zu lassen.

 

Artikel: Juni 2011 Autoren: Marcus Wesner / Christian Finkenbrink

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